Abschied und Aufbruch
Juni 2026

Gedanken zum Abschied

„Welch ein Privileg! Mit begeisterungsfähigen und leidenschaftlichen jungen Menschen zu arbeiten. Sie abzuholen und mitzunehmen. Sie an ihre Grenzen zu führen und zu ermutigen, sich über diese hinaus zu wagen. Sie dabei zu unterstützen, die Scheu abzulegen und in der Geborgenheit der Gruppe Neuland zu betreten. Gemeinsam zu wachsen und zu reifen.“

Mit diesen Worten habe ich meinen Beitrag für die 2021 erschienene Festschrift „10 Jahre Neue Wiener Stimmen“ begonnen. Und an diesem Privileg hat sich für mich bis heute nichts geändert.

2013 durfte ich die musikalische Leitung dieser einzigartigen Gemeinschaft übernehmen. Seither habe ich ein reges Kommen und Gehen erlebt, habe unzählige junge Menschen kennenlernen und beim Erwachsenwerden ein wenig begleiten dürfen. Junge Menschen, die sich aus unterschiedlichen Beweggründen dafür entschieden haben, den Montagabend zu einem regelmäßigen Fixpunkt ihres Alltags werden zu lassen. Zahlreiche von ihnen haben noch dazu vielfältige organisatorische Aufgaben übernommen, die einen Chor wie die NWS erst ermöglichen.

Was dabei auffällt: Offensichtlich fühlt man sich wohl, ist offen für Begegnungen aller Art und kann so sein, wie man möchte. Meiner Überzeugung nach bietet das Erlebnis des gemeinsamen Singens eine ideale Grundlage dafür.

Und es tut gut! Denn: In welcher Stimmung die einzelnen Sänger*innen auch immer in die Probe kamen, so habe ich nach dem Verklingen des letzten Tones stets in glückliche Augen blicken dürfen. Und ich wage zu behaupten, dass es dem Chor mit mir genauso gegangen ist.

Das oben zitierte „gemeinsame Wachsen und Reifen“ beziehe ich retrospektiv ganz bewusst auch auf mich selbst. Die inhaltliche Auseinandersetzung der Mitwirkenden mit den Themen und der Musik unserer Projekte war mit stets ein großes Anliegen. Dabei ging es mir nie darum, den Chor von meinen eigenen Meinungen zu überzeugen oder gar erzieherisch wirken zu wollen. Vielmehr wollte ich – im Lauf der Jahre mehr und mehr – Raum für Meinungsvielfalt und Individualität schaffen und so ermöglichen, dass unterschiedlichen Sichtweisen Stimmen gegeben werden. Den darauf basierenden Diskurs, welcher meist auch die Grundlage für Dramaturgien und Moderationen bildete, empfand ich stets als enorme Bereicherung und Erweiterung meines eigenen Bewusstseins. Dafür bin ich besonders dankbar.

Nun, da ich die musikalische Leitung des Chores in jüngere Hände übergebe, tue ich das wohlüberlegt und mit großer Dankbarkeit. Mit Miriam Laznia wird eine außergewöhnliche Musikerin die künstlerischen Geschicke der NWS lenken, die sich des Schatzes bewusst ist, den sie nun hüten darf. Mit ihr wird sich der Chor weiterentwickeln und seine Einzigartigkeit dennoch bewahren.

Es wird mir eine Freude sein, dies zu beobachten und das einzigartige „Sekundenglück“ hinkünftig als Zuhörer erleben zu dürfen.

Christoph Wigelbeyer

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