Am 17. Dezember 2019 werden in der Wiener Minoritenkirche weder „Alle Jahre wieder“ noch „Es wird scho glei dumper“ zu hören sein. Denn mit dem aktuellen Semesterprojekt „Gloria…?“ bringt der Chor NEUE WIENER STIMMEN ein Weihnachtskonzert der anderen Art auf die Bühne. Gemeinsam mit dem Kammerorchester Junge Camerata Wien wird ein Konzert rund um das Thema „Ehre“ gestaltet, wobei im Vorfeld der Programmgestaltung auch Fragen wie: „Was bedeuten Ehre und Verehrung?“,  „Wen oder was verehren wir?“ und „Wie stehen wir zu denen, die wir verehren?“  thematisiert wurden. In einem Gespräch erzählt unser Chorleiter Christoph Wigelbeyer, wie wir uns dem Thema musikalisch nähern wollen.

Interview von Julia Ritter


Julia: Wie kam es zu der Idee, ein Projekt rund um Vivaldis „Gloria“ und das Thema Ehre zu gestalten?

Christoph: Die Idee für das Projekt ist vor etwa zwei Jahren entstanden. Es hat mich und Jürgen Partaj gereizt, ein Chororchesterwerk einzustudieren, selbst zu dirigieren und ein Konzertprogramm in der Weihnachtszeit zu planen, das nicht als dezidiertes Weihnachtskonzert konzipiert ist.

Julia: Wie kann man sich das Programm vorstellen?

Christoph: Im Zentrum steht das sehr bekannte „Gloria in D“ von Antonio Vivaldi. Es ist ein sehr wirkungsvolles Werk, das man gerne singt und auch gerne hört. Im „Gloria“ geht es kurz gesagt um die Verehrung  Gottes – dazu wollten wir ein paar Gegenpole schaffen, um dem andere Begriffe gegenüber zu stellen. Wir haben die Frage „Was verehrt man?“ in den Chor getragen. Auf einer Konzertreise im vergangenen Juni gab es eine Umfrage, und entstanden ist eine Cloud von Begriffen, mit vielen Bezügen und Kommentaren zum Thema Ehre. Ich habe dann meine konkrete Stückauswahl auch danach ausgerichtet.

Julia: Was bedeutet der Begriff „Ehre“ für dich?

Christoph: Der Begriff „Verehrung“ oder auch „Ehrerbietung“ ist einer, der auch mich zum Nachdenken bringt. Denn wenn ich etwas zu sehr verehre, dann ordne ich mich dem unter. Und das kann auch manipulativ oder missbräuchlich verwendet werden. Da der Begriff, speziell bei jungen Leuten, ambivalent aufgenommen wird, haben wir uns gefragt, wie wir diesen Begriff infrage stellen können, ohne zu provokativ zu sein. Denn es gibt vieles, was man verehren kann, ohne dass man in einem unreflektierten Unterwerfungswahn verfällt, wie das zum Beispiel in Diktaturen passiert.

Julia: Viele der Stücke im Programm handeln von Gottes- oder Heiligenverehrung. Was hat Ehre mit dem christlichen Glauben zu tun?

Christoph: Im katholischen Denken war es lange so, dass du an den einen Gott glauben musstest. Da gab’s nichts zu hinterfragen. Das war wohl auch so gewünscht, auch um Macht auszuüben. Denn wenn ich jemand dazu bringe, mich zu verehren, habe ich ihn in gewisser Weise in der Hand. Die, die sich das nicht gefallen ließen, wurden verstoßen, verbrannt oder hingerichtet. Das hat sich doch recht gewandelt. Wenn ich das Thema nur auf Gott zurückführe, gibt es durchaus die Verehrung einer höheren Instanz, die nicht unbedingt an eine Institution gekoppelt sein muss.

Julia: Welche Aspekte von Ehre werden in den Stücken behandelt?

Christoph:  In „Warum toben die Heiden“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy  stellt sich die Frage nach dem zürnenden Gott, der dich hinwegfegt, wenn du nicht an ihn glaubst.  Da heißt es: „ Du sollst sie mit eiserenem Zepter zerschlagen“. Das ist etwas, das auch bei mir Fragezeichen entstehen lässt. Ich bin ein gläubiger Mensch aber dieser zürnende Gott, zu dem bin ich noch nicht vorgedrungen. Vielleicht ist das auch nicht nötig, aber es ist durchaus etwas, mit dem ich hadere.

In der Vertonung „Laudato si“ diente dem Komponisten Franz M. Herzog ein Ausschnitt aus Franz von Assisi‘s „Sonnengesang“.  Dieser hatte freiwillig die Armut gewählt, um ein Fürsprecher dessen zu werden, was die Menschen zerstören. Hier sollen die Ärmsten der Armen gekrönt werden, so heißt’s im Sonnengesang, wenn sie bis zum Ende ausharren.

Wir singen außerdem „Kaiki maat“ von Mia Makaroff, eine finnische Vertonung des 100. Psalms. Das ist ein positiv gestimmtes Stück, in dem Lebensfreude und Jubel ausbricht. Es ist ein Stück, das musikalisch eine moderne Sprache spricht – durch eine Rhythmik und einer Lebendigkeit, die durch das Arrangement zu Tage tritt.

In „Hymn of Acxiom“ geht es um die Verehrung der Algorithmen und der virtuellen Welt, denen wir uns immer mehr unterordnen. Das ist heutzutage für uns alle relevant.

Julia: Zur Erklärung: In dem Stück „Hymn of Acxiom“ spricht eine körperlose Stimme zu uns, die die Firma Acxiom darstellt. Dort werden großangelegt Daten über Nutzer*innen gesammelt und mit Direktmarketing verarbeitet.

Christoph: Wir wissen ja nicht genau, was mit unseren Daten passiert. Und trotzdem wollten wir das ja auch bis zu einem gewissen Grad, wie es auch im Text von „Hymn of Acxiom“ heißt.

Bei „Her Sacred Spirit Soars“ von Eric Whitacre geht’s um die Verehrung der Queen Elizabeth I, der ganz viele Stücke geschrieben und auch im Sinne der Kunst zugejubelt wurde. Das wäre die weltliche, profane Verehrung.

Julia: Wobei die Grenzen zwischen weltlich und geistlich in dem Stück fließend sind: Das Stück heißt ja „Her sacred spirit soars“. Die historische Figur Elizabeth I. hat, denke ich, versucht diese übermenschliche Position einzunehmen, um als Frau in einer männerdominierten Welt ernst genommen zu werden. Sie hat sich an das verehrungswürdige Bild einer heiligen Jungfrau angeglichen, die fast nichts Menschliches oder Weibliches an sich hat, um ihre Politik machen zu können.

Christoph: Sie ist fast auf einer göttlichen Ebene, wie viele andere Herrscher*innen. Das kennt man ja auch von anderen Herrschern, etwas dem Sonnenkönig Ludwig XIV, der sich auch selbst dazu stilisiert hat. Und selbst in unserer Gegenwart scheint dieser Gedanke manchen Machthabern nicht allzu fremd. Vielleicht ist das auch die politische Komponente im Programm, die es zu hinterfragen gilt. 

Julia: Worauf freust du dich in den nächsten Wochen?

Christoph: Ich freue mich darauf, dass wir mit einem neuen Orchester auftreten werden, der Jungen Camarata Wien, und dass Maria-Antoinette Stabentheiner, eine ehemalige Stimmbildnerin der NWS, den Sopranpart singen wird. Natürlich freut mich auch, dass das Konzert längst ausverkauft ist. Wobei das auch schade ist für alle, die es deshalb nicht hören können.  


Gloria…?“ wird am 17.12.2019 mit der Jungen Camerata Wien in der Wiener Minoritenkirche aufgeführt.

2 thoughts on “„Gloria“: Ehre, wem Ehre gebührt?

  1. Eine hervorragende Einführung für das kommende Konzert. Die Gedanken und Ideen, die hinter so einem Projekt stehen sind ja für alle Zuhörer unsichtbar. Jetzt kann ich mir im Vorfeld ein eigenes Bild basteln. Danke dafür!

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